LAURAS POLARZEIT FOLGE 3

DAS LEBEN IST WIE IN EINEM KLEINEN DORF

Trotz Corona hat sie es in die Weite geschafft: An Bord der Polar­stern zur „MOSAiC“, der größten Arktis Expedition unserer Zeit. Die Augsbur­gerin Laura Schmidt bewacht dort die Forscher auf dem Eis vor Eisbären. Was treibt sie an? Wir sind regel­mäßig mit ihr in Kontakt und begleiten ab sofort ihren Eisalltag im Rahmen unserer Serie „Lauras Polarzeit“.

XM: Hallo Laura, schön, dass Du uns wieder auf dem Laufenden hältst. Wie groß ist eigentlich Dein Zimmer – bist Du dort allein oder teilst du es dir mit jemandem?

Laura: Das Zimmer ist mit ca. 7 m² sehr klein. Da gibt es einen Tisch, eine Bank und ein Stockbett. Ich teile es mir mit Tereza, meine Kollegin vom Logistik-Team. Sie kommt ursprünglich aus Tsche­chien, lebt aber in Norwegen und in Svalbard. Tereza ist wie ich im Touris­mus­sektor als Guide in der Arktis tätig und auch von der Corona-Krise stark betroffen.

XM: Mit jemand Fremdem auf so engem Raum stelle ich mir ganz schön schwierig vor ….

Laura: Wir verstehen uns sehr gut und wir werden schon als Schwestern bezeichnet. Es gab während der ganzen Zeit noch keine einzige Diskussion, wir kümmern uns um uns und passen aufein­ander auf. Wenn Tereza auf dem Eis ist und ich auf der Brücke, scherzen wir oft über den Funk. Und dann, wenn wir uns manchmal stundenlang nicht sehen, umarmen wir uns ???? Ich bin so froh über das Verhältnis und weiß nicht, wie es sein wird, wenn wir wieder „getrennt“ werden. Hier entstehen wahre und tiefe Freund­schaften – man lernt sich eben auf engstem Raum gut kennen.

XM: Was vermisst Du denn am meisten?

Laura: Mein Leben hier hat sich radikal geändert, da ich sonst sehr gerne klettern oder in die Berge gehe. Mir fehlt es, selbst­be­stimmt zu kochen oder zu essen. Daher gehe ich fast täglich in den Fitnessraum ???? Auch einfache Dinge wie einkaufen, selbst kochen oder Kaffee­trinken mit Freunden fallen hier weg. Das vermisse ich natürlich etwas, aber ich lasse mich auf das Hier und Jetzt ein und möchte präsent sein. Die Berge laufen mir ja nicht davon und gute Freunde auch nicht. Was mir oft fehlt ist die Sonne – wir haben die meiste Zeit über Nebel, alles ist grau in grau und weiß. Das zehrt manchmal und genau deshalb ist ein gutes Mitein­ander hier sehr wichtig.

XM: Freust Du Dich auf etwas ganz besonders?

Laura: Auf was ich mich richtig freue ist frisches Gemüse und Obst. Seit Wochen sind wir neben Brot auf Gemüse und Obst aus der Dose beschränkt. Auch Quark für das Frühstück wird nur noch alle zwei Tage zur Verfügung gestellt. Lediglich Äpfel und Orangen sind noch übrig.

XM: Wie sieht es denn mit Heimweh aus – vermisst Du Menschen, das Grün, etwas Wärme oder ist das Dein Element?

Laura: Es ist komisch, aber die Heimat rückt in diesem Umfeld in den Hinter­grund oder wird einfach verdrängt. Das hier ist wie eine eigene kleine Welt. Es gibt das Schiff mit seinen Bewohnern. Eigentlich ist es wie ein kleines Dorf. Tagsüber verlassen einige von uns das Schiff und gehen raus aufs Eis. Andere bleiben auf dem Schiff und arbeiten in ihren Labor-Containern. Und dann gibt es die Besatzung, ohne die gar nichts laufen würden. Abends kommen alle zurück, es wird gegessen und täglich gibt es um 18.30 das „general meeting“, bei welchem wir den Tag und den Folgetag besprechen und planen. Ein paar Mal in der Woche hat der „shop“ geöffnet und man kann sich mit Süßig­keiten, Getränken oder Hygie­ne­ar­tikeln versorgen. Manchmal schauen ein paar von uns einen Film zusammen an, andere verbringen wiederum ihre Zeit im „Roten Salon“, andere in den Kabinen oder auf der Brücke. Ein paar von uns sehe ich sogar sehr selten.
Zum Schiff gehört das Eis, der Ozean und die Weite sowie unsere Heimat­scholle mit ihren Messstationen.

XM: Liebe Laura, wieder einmal vielen Dank für Deine Einblicke. Wir freuen uns schon aufs nächste Mal!

Das Interview führte Markus

Copyright Bilder:
Sliderbild: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann (CC-BY 4.0)
Bilder im Content­be­reich: Laura Schmidt

Hinter­grund

MOSAiC ist die die größte Arktis-Expedition unserer Zeit und bedeutet Multi­di­sci­plinary drifting Obser­vatory for the Study of Arctic Climate. Seitens des Alfred-Wegener-Instituts für Polar-und Marine­for­schung wird diese einmalige Expedition seit ca. 10 Jahren vorbe­reitet und tritt in die Fußstapfen von Ideen­geber Fridtjof Nansen. Im September 2019 hat der deutsche Forschungs­eis­brecher Polar­stern den Hafen von Tromsö verlassen und driftet seit Oktober 2019 verankert an einer Eisscholle im arkti­schen Ozean. Ziel dabei ist, den Klima­wandel in der Arktis besser zu verstehen, denn diese Region ist das Epizentrum der globalen Erwärmung. Nirgendwo sonst auf der Welt wird es so schnell wärmer als in dieser kalten, fragilen und einzig­ar­tigen Erdregion. Gleich­zeitig ist die Arktis eng mit dem Wetter­ge­schehen in unseren Breiten verknüpft. Wissen­schaftler aus der ganzen Welt versuchen die komplexen Zusam­men­hänge und Prozesse von Ozean, Eis und Atmosphäre zu verstehen und somit Wissens- und Daten­lücken zu schließen. Insgesamt ist die Expedition unter­teilt in 6 Zeitab­schnitte, für welche die Forscher und die Crew ca. alle zwei bis drei Monate mittels zusätz­licher Eisbrecher ausge­tauscht werden.
Text: Laura Schmidt, https://alparctica.com

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