LAURAS POLARZEIT FOLGE 1

ALLES STAND AUF DER KIPPE

Trotz Corona hat sie es in die Weite geschafft: An Bord der Polar­stern zur „MOSAiC“, der größten Arktis Expedition unserer Zeit. Die Augsbur­gerin Laura Schmidt bewacht dort die Forscher auf dem Eis vor Eisbären. Was treibt sie an? Wir sind regel­mäßig mit ihr in Kontakt und begleiten ab sofort ihren Eisalltag im Rahmen unserer Serie „Lauras Polarzeit“.

XM: Wer ist Laura Schmidt?

Laura: Ich bin 33 Jahre alt, in Augsburg geboren und lebe seit vier Jahren in den bayeri­schen Alpen. Nach dem Studium der Geographie (Schwer­punkt Gletscher und Hochge­birge) war ich vier Jahre beim DAV Summit Club tätig. Mein Herz an die Arktis habe ich aller­dings im Jahr 2011 verloren, als wir mit der Uni für eine Exkursion in dem Gebiet unterwegs waren. Seitdem bin ich dort und in Norwegen, Grönland, Finnland und Spitz­bergen als Guide unterwegs. Mir ist es wichtig, anhand von Bildern und Geschichten das Thema Klima­än­derung näher zu bringen. Es geht nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, sondern den Ist-Zustand in der Arktis zu erklären. Und den Zustand der Alpen­glet­scher. Denn das Eis ist der beste Indikator.

XM: Laura, Du bist bei der größten Polar­ex­pe­dition aller Zeiten dabei. Ihr hängt Euch mit dem Forschungs­eis­brecher Polar­stern einen Polar­sommer lang an eine Eisscholle um mehr über die Gesetz­mä­ßig­keiten des Klima­wandels zu erfahren. Wie schafft man es an Bord einer solch außer­ge­wöhn­lichen Unternehmung?

Laura: Als ich im Jahr 2008 ein Praktikum am Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Marine­for­schung absol­vierte, habe ich mir in den Kopf gesetzt, in die Arktis oder Antarktis zu reisen. Mein ehema­liger Super­visor vom AWI hat mich dann auf die MOSAiC hinge­wiesen, und dass ich mich für das Logistik Team bewerben soll. Das war im April 2019. Im November 2019, als die Expedition schon im Gange war, habe ich dann die Nachricht erhalten, dass ich dabei bin.

XM: Pünktlich zum Auslaufen Eurer Schiffe hatte auf einmal Corona das Land im Griff. Was geht einem da durch den Kopf? Wie wurde das Quaran­tä­ne­thema geregelt? Ich kann mir vorstellen, dass ein Coronafall an Bord bei dieser Ausge­setztheit fatal wäre. Es gab ja schon ganze Kreuz­fahrt­schiffe unter Quarantäne.

Laura: Ja, alles stand auf der Kippe, denn anfangs war es nicht klar, ob wir überhaupt ausge­tauscht werden können. Das Warten war furchtbar. Am 1. Mai 2020 haben wir uns dann in eine zweiwö­chige Quarantäne in Bremer­haven begeben. Die erste Woche war die Hölle – im Einzel­zimmer im Hotel, dazwi­schen zwei Abstriche. Ich habe so gezittert! Insgesamt sind wir mit Wissen­schaft und neuer Besatzung über 100 Leute. Dass wir alle coronafrei waren, ist schon der Hammer!

XM: Erzähl – was genau ist eigentlich Dein Job an Bord der Polarstern?

Laura: Ich bin eine von fünf Eisbär­wächtern. Die Schichten sind nie länger als drei Stunden, da die Augen vom Schauen und Ausschau halten sehr müde werden. Man blickt nur ins Eis und alles ist weiß. Oftmals ist die Sicht sehr schlecht vom Nebel, da muss man dann noch mehr aufpassen. Wenn mein Team und ich nicht im Eis sind, dann auf der Brücke, von wo aus wir die Teams auf dem Eis koordi­nieren. Ansonsten helfen wir auch beim Aufbau von Messsta­tionen soweit es geht, bauen Brücken, weil sich immer Meltponds bilden, halten die Logistik-Area sauber, reinigen die Waffen, checken die Survival Suits und vieles mehr.

XM: Und was machst Du, wenn Du nicht arbeitest?

Laura: Die Zeiten zwischen den Schichten sind oftmals kurz. Aber ich versuche fast täglich in den Fitnessraum zu gehen. Egal wie müde ich bin, laufe ich zwischen 8 und 10 Kilometer, mache Klimmzüge, Gewicht­training und Yoga. Ansonsten schreibe ich Mails oder socialize mit den anderen vom Team. Wir sind ja schon eine Familie geworden. Privat­sphäre gibt es so gut wie nicht.

XM: Liebe Laura, vielen Dank und bis zum nächsten Mal!

Das Interview führte Markus

Copyright Bilder:
Sliderbild: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann (CC-BY 4.0)
Bilder im Content­be­reich: Laura Schmidt

Hinter­grund

MOSAiC ist die die größte Arktis-Expedition unserer Zeit und bedeutet Multi­di­sci­plinary drifting Obser­vatory for the Study of Arctic Climate. Seitens des Alfred-Wegener-Instituts für Polar-und Marine­for­schung wird diese einmalige Expedition seit ca. 10 Jahren vorbe­reitet und tritt in die Fußstapfen von Ideen­geber Fridtjof Nansen. Im September 2019 hat der deutsche Forschungs­eis­brecher Polar­stern den Hafen von Tromsö verlassen und driftet seit Oktober 2019 verankert an einer Eisscholle im arkti­schen Ozean. Ziel dabei ist, den Klima­wandel in der Arktis besser zu verstehen, denn diese Region ist das Epizentrum der globalen Erwärmung. Nirgendwo sonst auf der Welt wird es so schnell wärmer als in dieser kalten, fragilen und einzig­ar­tigen Erdregion. Gleich­zeitig ist die Arktis eng mit dem Wetter­ge­schehen in unseren Breiten verknüpft. Wissen­schaftler aus der ganzen Welt versuchen die komplexen Zusam­men­hänge und Prozesse von Ozean, Eis und Atmosphäre zu verstehen und somit Wissens- und Daten­lücken zu schließen. Insgesamt ist die Expedition unter­teilt in 6 Zeitab­schnitte, für welche die Forscher und die Crew ca. alle zwei bis drei Monate mittels zusätz­licher Eisbrecher ausge­tauscht werden.
Text: Laura Schmidt, https://alparctica.com

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